Wie wird ADHS festgestellt?

Die Diagnostik von ADHS ist sehr aufwändig. Wir wollen Sie über die dazu notwendigen Untersuchungen informieren, indem wir folgenden Fragen nachgehen:

Was wird untersucht?

Zur diagnostischen Feststellung einer ADHS muss der Untersucher folgenden Aspekten nachgehen:

  • der Symptomatik: Lassen sich beim Patienten die Symptome von Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit feststellen?
  • den zusätzlichen Kriterien: Lassen sich beim Patienten die für eine Diagnose notwendigen zusätzlichen Kriterien feststellen?
  • der Differentialdiagnose: Kann die Symptomatik durch eine andere Störung besser erklärt werden?
  • der Komorbidität: Gibt es weitere behandlungsbedürftige Probleme oder Störungen?

Im ersten diagnostischen Schritt überprüft der Untersucher, ob die Symptome von Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit vorliegen. Dazu haben die beiden in Deutschland angewendeten Klassifikationssysteme (ICD-10 und DSM 5) weitgehend übereinstimmende Kriterien für Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität festgelegt. Für eine Diagnose muss eine bestimmte Anzahl dieser Kriterien erfüllt sein. Anhand der Art der erfüllten Kriterien können auch die Unterformen von ADHS bestimmt werden.

Diese Kriterien werden vom Untersucher im Gespräch mit den Eltern und dem Kind oder Jugendlichen gezielt erfragt oder auch anhand von Fragebögen erhoben. Der Untersucher muss dabei überprüfen, ob die jeweiligen Probleme deutlich stärker ausgeprägt sind, als das üblicherweise bei Kindern und Jugendlichen gleichen Alters der Fall ist.


A) Kriterien für Unaufmerksamkeit

  1. Beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten.
  2. Hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder Spielenaufrechtzuerhalten.
  3. Scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn ansprechen.
  4. Führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen (nicht aufgrund von oppositionellem Verhalten oder Verständnisschwierigkeiten).
  5. Hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren.
  6. Vermeidet häufig, hat eine Abneigung gegen oder beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger andauernde geistige Anstrengungen erfordern (wie Mitarbeit im Unterricht oder Hausaufgaben).
  7. Verliert häufig Gegenstände, die er/sie für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt (z. B. Spielsachen, Hausaufgabenhefte, Stifte, Bücher oder Werkzeug).
  8. Lässt sich oft durch äußere Reize leicht ablenken.
  9. Ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich.

B) Kriterien für Hyperaktivität

  1. Zappelt häufig mit Händen oder Füßen oder rutscht auf dem Stuhl herum.
  2. Steht {häufig} in der Klasse oder anderen Situationen auf, in denen Sitzenbleiben erwartet wird.
  3. Läuft häufig herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben).
  4. Hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen.
  5. {Ist häufig „auf Achse“ oder handelt oftmals, als wäre er „getrieben“.}(Zeigt ein anhaltendes Muster exzessiver motorischer Aktivität, das durch die soziale Umgebung oder durch Aufforderungen nicht durchgreifend beeinflussbar ist.)

C) Kriterien für Impulsivität

  1. Platzt häufig mit der Antwort heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist.
  2. Kann häufig nur schwer warten, bis er/sie an der Reihe ist (bei Spielen oder in Gruppensituationen).
  3. Unterbricht und stört andere häufig (platzt z. B. in Gespräche oder in Spiele anderer hinein).
  4. Redet häufig übermäßig viel (ohne angemessen auf soziale Beschränkungen zu reagieren). {Im DSM 5 unter Hyperaktivität subsumiert.}

{ } nur DSM 5, ( ) nur ICD-10


Zusätzliche Kriterien

Wenn Symptome einer ADHS vorliegen, muss der Untersucher überprüfen, ob diese Symptome durch eine andere Diagnose besser erklärt werden können. Das ist die Frage nach der so genannten Differentialdiagnose.

Symptome einer ADHS können nämlich auch Hinweise auf eine andere Störung sein. Die häufigsten Fragen dabei sind:

  • Sind die Symptome durch Medikamente ausgelöst worden? Wenn Ihr Kind regelmäßig Medikamente einnehmen muss, dann kann es sein, dass Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität oder auch Impulsivität Nebenwirkungen dieser Medikamente sind.
  • Sind die Symptome verursacht durch schulische Überforderung? Kinder, die in der Schule überfordert sind, können ebenfalls Symptome von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität oder Impulsivität entwickeln, die sich dann vermindern, wenn das Kind angemessen beschult wird.
  • Sind die Symptome verursacht durch schulische Unterforderung? In seltenen Fällen können die Symptome einer ADHS auch dadurch verursacht werden, dass das Kind in der Schule unterfordert ist. In diesen Fällen verschwinden die Symptome, wenn höhere Anforderungen an das Kind gestellt werden.
  • Sind die Symptome besser erklärbar durch eine andere körperliche Erkrankung oder psychische Störung? Es gibt wenige körperliche Erkrankungen (z.B. Epilepsie) und mehrere psychische Störungen (z.B. Depressionen, Angststörungen oder aggresive Verhaltensstörungen) bei denen die Kinder ebenfalls ADHS-ähnliche Symptome entwickeln. Allerdings können Kinder mit einer ADHS solche Störungen auch zusätzlich haben (Komorbidität).

Wenn die Diagnose einer ADHS gesichert ist, stellt sich die zusätzliche Frage, ob weitere behandlungsbedürftige Probleme oder Störungen bei dem Kind oder dem Jugendlichen vorliegen. Das ist die Frage nach komorbiden Störungen.

Die Mehrzahl der Kinder und auch der Jugendlichen oder Erwachsenen mit ADHS hat weitere psychische Störungen. Im Gespräch mit den Eltern und dem Kind, Jugendlichen oder Erwachsenen sowie anhand von Fragebögen kann der Untersucher dies überprüfen.

Wie wird untersucht?

Für die bei ADHS notwendigen diagnostischen Untersuchungen haben Fachverbände Leitlinien entwickelt, an denen sich die Untersucher orientieren sollten. Üblicherweise dauert eine solche diagnostische Abklärung mehrere Sitzungen und kann folgende Bestandteile enthalten:

Das Untersuchungsgespräch (Exploration) bildet den Kern der gesamten Untersuchung und kann über mehrere Sitzungen hinweg durchgeführt werden. Üblicherweise werden sowohl die Eltern als auch das Kind / der Jugendliche in das Untersuchungsgespräch einbezogen.  

Das Gespräch bezieht sich sowohl auf die aktuelle ADHS-Symptomatik sowie andere Auffälligkeiten oder Probleme des Kindes oder Jugendlichen, wie sie in der Familie, im Kindergarten / in der Schule und im Freizeitbereich auftreten. Dabei werden die Kriterien für die Diagnose einer ADHS abgeklärt und der Untersucher überprüft, ob andere Störungen oder Erkrankungen als eine Erklärung für die geschilderten Symptome in Frage kommen könnten (Differenzialdiagnose).

Außerdem erfragt der Untersucher im Gespräch die Entwicklungsgeschichte des Kindes oder Jugendlichen von Geburt an und macht sich so ein Bild über die familiären Bedingungen, unter denen das Kind lebt sowie über die Situation im Kindergarten oder in der Schule.

Da bei ADHS in der Regel Probleme im Kindergarten bzw. in der Schule auftreten, ist - mit Einverständnis der Eltern - ein Gespräch mit Erziehern oder Lehrern ebenfalls sehr sinnvoll, in dem die konkreten Verhaltensprobleme erfragt werden können.

Nach dem Untersuchungsgespräch kann der Untersucher weitere notwendige diagnostische Untersuchungen festlegen.

Fragebögen für Eltern, Erzieher, Lehrer und auch ältere Kinder und Jugendliche selbst werden häufig in der Untersuchung von ADHS eingesetzt und können ergänzend zum Untersuchungsgespräch wichtige Informationen liefern.

Meist werden in diesen Fragebögen ADHS-Symptome und andere Verhaltensauffälligkeiten erfragt, aber auch die Stärken des Kindes oder Jugendlichen können per Fragebogen erhoben werden.

Solche Fragebögen kann der Untersucher nutzen, um im Untersuchungsgespräch anhand einzelner Antworten gezielte Nachfragen zu stellen. Außerdem gibt es für die meisten Fragebögen so genannte Normen, anhand derer der Untersucher die Antworten in dem konkreten Fragebogen vergleichen kann mit den Antworten, die typischerweise gegeben werden.

Wenn beispielsweise eine Mutter das Verhalten ihres elfjährigen Sohnes anhand eines Fragebogens eingeschätzt hat, dann werden diese Antworten verglichen, mit jenen anderer Mütter über ihre etwa elfjährigen Söhne. Der Untersucher stellt damit fest, ob die Verhaltensbeurteilung vergleichbar ist mit den durchschnittlichen Beurteilungen oder über bzw. unter den üblichen Urteilen liegt.

Die Verhaltensbeobachtung des Kindes oder Jugendlichen in der Untersuchungssituation hilft dem Untersucher, sich einen eigenen unmittelbaren Eindruck vom Kind oder Jugendlichen zu verschaffen.

Dabei achtet der Untersucher darauf, ob das Kind Anzeichen von Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit auch in der Untersuchungssituation zeigt. Das ist häufig der Fall, muss aber nicht notwendigerweise so sein. Vor allem bei älteren Kindern und bei Jugendlichen kann es durchaus vorkommen, dass solche Verhaltensweisen in der Untersuchungssituation nicht erkennbar sind.

Bei Kindern werden häufig auch Spielsituationen eingeführt, die dem Untersucher helfen, einen guten Kontakt herzustellen, die aber auch für eine Verhaltensbeobachtung genutzt werden. In einzelnen Fällen können auch Verhaltensbeobachtungen in der natürlichen Umgebung des Kindes - z.B. anhand von Videoaufnahmen aus der Familie oder im Rahmen einer Schulbeobachtung - eingesetzt werden.

Testpsychologische Untersuchungen werden häufig im Rahmen einer umfassenden Untersuchung von ADHS eingesetzt. Sie dienen entweder der Überprüfung des Entwicklungsstandes oder der Intelligenz oder auch einzelner Fertigkeiten (z.B. des Lesens, Schreibens oder Rechnens) oder auch der Konzentrationsfähigkeit und Impulsivität des Kindes oder Jugendlichen.

Eine Überprüfung des Entwicklungsstandes und der Intelligenz ist oft notwendig, weil Kinder und Jugendliche, die schulisch überfordert sind, häufig mit ADHS-Symptomen reagieren. In seltenen Fällen können ADHS-Symptome auch auf schulische Unterforderung bei besonders begabten Kindern oder Jugendlichen hinweisen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen können genutzt werden, um die optimale Beschulung und Förderung des Kindes zu bestimmen.

Kinder mit ADHS haben häufig auch Probleme in einzelnen schulischen Fächern, deshalb ist neben der Intelligenzdiagnostik häufig auch eine Überprüfung einzelner schulischer Fertigkeiten notwendig.

Tests zur Überprüfung der Konzentrationsfähigkeit und Impulsivität von Kindern und Jugendlichen können ergänzend durchgeführt werden, um weitere Hinweise auf entsprechende Symptome zu bekommen. Mitunter zeigen solche Tests jedoch keine Auffälligkeiten, obwohl die Symptome in der Schule oder bei den Hausaufgaben häufig vorkommen. Deshalb müssen diese Testergebnisse auch sehr vorsichtig interpretiert werden.

Zu jeder diagnostischen Abklärung von ADHS gehört auch eine körperliche Untersuchung, bei der auch die Seh- und Hörfähigkeit des Kindes oder Jugendlichen überprüft und auch eine kurze neurologische Untersuchung durchgeführt wird.

Diese Untersuchung dient vor allem dazu, andere körperliche Ursachen für ADHS-Symptome auszuschließen. Nach einer solchen Untersuchung und der dazugehörigen Befragung hinsichtlich früherer körperlicher Erkrankungen kann der Arzt noch weitere Untersuchungen veranlassen, z.B. eine Ableitung eines Hirnstrombildes (EEG).

Wer untersucht?

An einer Untersuchung eines Kindes oder Jugendlichen, bei dem die Diagnose einer ADHS überprüft werden soll, können mehrere Berufsgruppen beteiligt sein.

Es gibt verschiedene Anlaufstellen für Eltern, um eine solche Untersuchung für ihr Kind durchführen zu lassen.

Folgende Berufsgruppen können bei der Überprüfung einer ADHS bei Kindern und Jugendlichen einbezogen werden:

  • Hausärzte sind häufig die ersten Anlaufstellen und können meist eine orientierende Untersuchung durchführen oder an Fachärzte, approbierte Psychotherapeuten oder Beratungsstellen verweisen.
  • Kinder- und Jugendärzte sind ebenfalls häufig erste Anlaufstellen und können bei entsprechender Fortbildung eine differenzierte Untersuchung durchführen. Mitunter verweisen Sie auch an Kinder- und Jugendpsychiater, approbierte Psychotherapeuten oder Beratungsstellen weiter, die weitere Untersuchungen durchführen können.
  • Kinder- und Jugendpsychiater sind in der Diagnostik von ADHS umfassend ausgebildet und können eine vollständige diagnostische Abklärung durchführen.
  • Approbierte Psychotherapeuten: Sowohl sogenannte Psychologische Psychotherapeuten als auch Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten können mit Ausnahme der körperlichen Untersuchung eine vollständige diagnostische Abklärung durchführen. Bei den Psychologischen Psychotherapeuten, die für die Diagnostik und Psychotherapie bei Erwachsenen ausgebildet sind,  muss erfragt werden, ob sie eine zusätzliche Qualifikation für Kinder und Jugendliche erworben haben.
  • Beratungsstellen: Es gibt viele verschiedene Beratungsstellen, z.B. schulpsychologische Dienste, Erziehungsberatungsstellen, Frühförderzentren, in denen Fachleute zumindest einzelne Untersuchungsschritte durchführen können.
  • Ambulanzen und sozialpädiatrische Zentren: Ambulanzen an Kinder- und Jugendpsychiatrischen Kliniken und sozialpädiatrische Zentren, die häufig an Kinderkliniken angeschlossen sind, können eine vollständige diagnostische Abklärung durchführen.

Wenn Sie vermuten, dass Ihr Kind ADHS haben könnte, können Sie sich zunächst bei diesen Stellen Hilfe suchen:

  • Hausärzte, die meist weiter verweisen können.
  • Kinder- und Jugendärzte, die häufig auch genauere Untersuchungen durchführen können.
  • Beratungsstellen, z.B. schulpsychologische Dienste, Erziehungsberatungsstellen oder Frühförderzentren, die häufig genauere Untersuchungen durchführen und auch weiter verweisen können.

Zudem gibt es bundesweit regionale ADHS-Netze. Das ADHS-Netz in Ihrer Region kann Ihnen bei der Suche nach Fachleuten im Bereich ADHS behilflich sein. Eine Übersicht über diese Netzwerke finden Sie auf der Landkarte der regionalen Netze auf der Website des zentralen adhs-netzes.

Zusätzlich bieten Selbsthilfeverbände ein breites Informations- und Unterstützungsangebot für Betroffene. Kontaktadressen finden Sie hier.